19.07.2011

Zeichen gegen Rechts

Zeichen gegen rechts

Coburg - Für Berkan und Marlon, fünfte Klasse Rückertschule, sind Toleranz, Religionsfreiheit oder Integration keine Themen. Die beiden Freunde, die auf eigene Faust am Samstag-Vormittag zum "Bunten Fest der Kulturen" in die Viktoriastraße gekommen sind, leben diese Werte ohne auch nur einen Gedanken daran zu verlieren. Auf dem von der Sparkasse Coburg-Lichtenfels zur Verfügung gestellten Parkplatz fahren sie auf dem Rollstuhl-Parcours, machen beim Torwand-Schießen und beim Pedalo-Rennen mit, lachen und tollen unbeschwert herum.

Bei den Erwachsenen sind nicht alle so weit. Etwa 150 Meter und zwei Polizeiabsperrungen samt Tabu-Zone (die sogar Oberbürgermeister Norbert Kastner auf dem Weg zum Bunten Fest umgehen musste) entfernt, haben sich an der Ecke Viktoriastraße/Viktoriabrunnen etwa 50 Teilnehmer zur "Anti-Minarett-Mahnwache" der rechtsradikalen NPD versammelt. Ihnen gegenüber, durch weitere zwei Absperrungen und 20 Meter Straße getrennt, stehen weitere 50 Personen am Ernstplatz, die dem Aufruf der Partei "die Linke" und des "Coburger Aktionsbündnisses gegen rechtradikale Aktivitäten" (Cara) gefolgt sind, darunter die mit Trommeln "bewaffnete" Coburger Samba-Gruppe "Paixao". Ein skurriles Bild zur Haupteinkaufszeit in Coburg.

Gleiche Redezeit für alle

Die Stadt hat allen drei Veranstaltungen die gleichen Rechte eingeräumt: pro Stunde exakt 20 Minuten Redezeit - sowie die Auflage, die Kundgebungen der jeweils anderen nicht zu stören: "Zumindest Megaphone oder Musikinstrumente sind dann nicht erlaubt", so Einsatzleiter Joachim Mittelstädt, "den Mund können wir natürlich niemanden verbieten." Was die Leute von Cara und der Linken natürlich ausführlich und erfolgreich zu nutzen wissen um die Reichweite der NPD zu stören. Leider mit unnötigen Beleidigungen und Pöbeleien. Ansonsten verläuft alles - wegen der umsichtigen Organisation durch Stadt und Polizei - friedlich.

Gegen 10 Uhr ist die NPD zum zweiten Mal an der Reihe, aber die Sambista hören nicht auf zu trommeln. Mittelstädt klettert sofort über die Absperrung, will Einhalt gebieten. Nach einem kurzen Gespräch ruft Martin Rübsam von Paixao: "Gebt noch einmal alles, wir haben noch 30 Sekunden!" Die NPD war zu früh dran und die ohrenbetäubenden Samba-Rhythmen übertönen den Redner der "Anti-Minarett-Mahnwache" locker. Als die Kirchglocken 10 Uhr schlagen, legt Rübsam sein Paixao-Shirt ab und streift eilig seine Arbeitsklamotten über: "Ich muss weg, wollte aber vorher unbedingt meine türkischen Freunde unterstützen."

Durchs Megaphon verliest ein NPD-Redner den vielzitierten, 13 Jahre alten Ausspruch des heutigen türkischen Ministerpräsidenten Erdogan von den "Moscheen als Kasernen, den Minaretten als Bajonetten, den Kuppeln als Helmen und den Gläubigen als Soldaten". Auch auf einem Transparent ist er gedruckt.

Die Frauenvorsitzende der türkisch-islamischen Gemeinde DITIP, Güliz Celik, bekommt durch die räumliche Trennung, wie die rund 500 Besucher des Fests der Kulturen vor der Moschee, davon kaum etwas mit: "Ich verstehe nicht warum wir uns für diesen - wie ich finde - dummen Spruch Erdogans rechtfertigen sollen", sagt sie in scharfem Ton. Sie ist Rednerin für ihre Gemeinde.

Die Türen der Moschee und aller Gemeinderäume stehen den Coburgern an diesem Tag offen. Isabel Höfler und Max Geier aus Beiersdorf nutzen diese Gelegenheit wie Hunderte andere Interessierte: "Wir sind zum ersten Mal in einer Moschee." Cüneyet Demirezen klärt sie über den islamischen Glauben auf. Drei seiner Freunde schenken draußen kostenlos türkischen Tee aus und ihre Mütter haben im großen Gemeinderaum Türme von Gebäck für Besucher gestapelt. Auch hier darf jeder zugreifen. Auf Bierbänken im Innenhof der Moschee vermischen sich Bürger verschiedenster Herkunft. Coburg ist bunt.

Um 12.26 Uhr verkündet der Versammlungsleiter des aus 25 Organisationen bestehenden Bündnisses gegen Rechts, Christoph Liebst unter großem Jubel: "Die Nazis sind abgezogen." Mit seiner Veranstaltung zeigt er sich ebenso zufrieden seine Pendants von der Partei "die Linke" Rene Hähnlein und von der NPD Johannes Hühnlein. Die Polizei beginnt sofort mit dem Abbau der Absperrungen.

Neue Presse Logo Henning Rosenbusch

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