04.05.2011

Warten auf Bewerber

Warten auf Bewerber

Coburg - Früher war alles anders. Da brauchten sich Gerd Steiner samt Mitarbeitern keine Sorgen um den personellen Nachschub zu machen. Der kam zwangsweise ins Haus. Früher ist erst wenige Monate her. Bis vor Kurzem wurden jährlich Tausende junger Männer - auch gegen ihren Willen - von oben bis unten gemustert. Die Wehrpflicht führte dazu, dass ihnen früher oder später Post aus der Promenadestraße 2a, dem Sitz des Kreiswehrersatzamtes Bamberg, auf den Tisch flatterte. Das ist passé, weil die Wehrpflicht in Friedenszeiten ausgesetzt und durch einen freiwilligen Wehrdienst ersetzt wurde. Seither ist es ruhig geworden im Kreiswehrersatzamt.

"Die Nachwuchsgewinnung auf freiwilliger Basis ist für alle 52 Kreiswehrersatzämter eine große Herausforderung", sagt Gerd Steiner, gelernter Jurist und seit zweieinhalb Jahren Leiter der Dienststelle. Zumal es aktuell noch viele Unbekannte hinsichtlich Gesamtstärke der Streitkräfte und Standortschließungen gibt. Auch im eigenen Beritt herrscht Verunsicherung, denn hinter der Zukunft der Kreiswehrersatzämter steht ein großes Fragezeichen. Steiner macht keinen Hehl daraus, dass sich seine 65 Mitarbeiter in Bamberg um ihre Existenz sorgen.

Zivile Konkurrenz

Zu Zeiten der Wehrpflicht wurden in Bamberg pro Quartal zwischen 1500 und 2000 Männer gemustert. Im vergangenen Jahr waren es 6800. Bei der letzten Einberufung nach altem Modus zum 1. Januar 2011 mussten 147 auch gegen ihren Willen zum "Bund".

Um den Personalbedarf der künftig kleineren Streitkräfte zu decken, sind jährlich etwa 12 000 freiwillig Wehrdienstleistende zu rekrutieren. Wie von der Bundeswehr erwartet, ein zähes Geschäft. "Einerseits gibt es den demografischen Wandel, andererseits stehen wir in direkter Konkurrenz zum zivilen Arbeitsmarkt, der ebenfalls händeringend Nachwuchs und Fachkräfte sucht", beschreibt Steiner die Lage im "Kampf um Köpfe".

Vor diesem Hintergrund hat der Gesetzgeber den freiwilligen Wehrdienst nicht nur auf Frauen ausgeweitet, sondern zusätzlich finanzielle Anreize geschaffen. So erhalten Freiwillige vom ersten bis zum dritten Monat einen steuerfreien Wehrsold von monatlich 777,30 Euro, vom vierten bis zum sechsten 800,40 und vom siebten bis zum zwölften 1003,50 Euro. Die maximale Leistung beträgt 1146,30 Euro und wird vom 19. bis 23. Monat gewährt. Hinzu kommen Weihnachtsgeld (19,20 Euro/Monat) und Entlassungsgeld (76,20 Euro/Monat).

Unter dem Motto "Pflicht wird zur Chance" geht die Bundeswehr an der Freiwilligenfront in die Offensive. Mit bislang überschaubarem Erfolg. Von 2700 Wehrpflichtigen, die das Kreiswehrersatzamt Bamberg Ende Januar anschrieb, bekundeten 138 Interesse. Letztlich entschieden sich 33 für den Wehrdienst. Im April wurden weitere 11 600 potenzielle Freiwillige kontaktiert, von denen bisher 98 Bereitschaft signalisiert haben. Das zeigt, wie mühsam die Nachwuchsgewinnung ist.

"Wir stehen noch am Anfang", glaubt Steiner nach der eher verhaltenen Resonanz an eine baldige Wende, zumal in den Medien jetzt verstärkt der freiwillige Wehrdienst beworben wird. Zusätzliche Impulse verspricht er sich durch Auftritte bei Berufsmessen oder Ausstellungen.

Pro Woche zwei Termine

Aktuell gibt es in Bamberg zwei Untersuchungstermine wöchentlich für durchschnittlich je ein Dutzend Bewerber. Beim jüngsten sind Moritz Schramm (17) aus Neuses an den Eichen (Landkreis Coburg) und der Coburger Tim Schmidt (19) mit von der Partie. "Ich mache jetzt die mittlere Reife und werde nach meiner Ausbildung zum Installateur auf jeden Fall freiwillig Wehrdienst leisten", sagt Schramm. Fallschirmspringer oder Infanterist möchte er werden und "natürlich auch in den Auslandseinsatz". Schmidt hat kürzlich das Abi gemacht und sieht in dem Angebot die Möglichkeit, die Zeit bis zum Studium zu überbrücken. Sollte er genommen werden, würde er am liebsten zum Heer gehen. "Der Standort", so Schmidt, "ist mir eigentlich egal."

Neue Presse Logo Christoph Scheppe

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