16.02.2012
Über die Alpen
Dörfles-Esbach - Wenn Ullrich Junghans mit seinem Heißluftballon mehrere Tausend Meter über dem Meeresspiegel dahingleitet, fühlt er sich wie ein anderer Mensch. "Man ist weg vom Stress, kann von oben alles betrachten und genießt diese atemberaubende Ruhe", schwärmt der 53-Jährige aus Dörfles-Esbach von seinem luftigen Hobby. "Ein Gefühl absoluter Freiheit!"
Vor knapp zehn Jahren wird das Ballon-Fieber bei Junghans entfacht. Da schenkt ihm seine Frau Susi eine Freifahrt. Junghans, zu diesem Zeitpunkt begeisterter Drachenflieger, entdeckt eine neue Leidenschaft. "Ich habe mir sofort einen Ballon gekauft und den Pilotenschein gemacht", erzählt Junghans. 60 Stunden Theorie mit Navigation, Luftrecht, Notfallmaßnahmen und mindestens 20 Stunden praktische Ausbildung mit 50 Landungen - bis heute hat er die zeitintensive Ausbildung nicht bereut.
Insbesondere wenn er solch einmalige Momente wie vor knapp vier Wochen miterleben darf. Mitte Januar ist der Unternehmer mit Frau Susi und einem befreundeten Ehepaar im Tannheimer Tal bei einem Ballontreffen, als eine frohe Kunde die Runde macht. Am 14. Januar, so die Berechnungen, seien die Wetterbedingungen ideal. Einer Fahrt über die Alpen stehe nichts im Wege. "Das ist nur ganz selten möglich. Insgesamt gibt es pro Jahr etwa fünf Tage, an denen die Wetterbedingungen passen", weiß Junghans.
Sauerstoff an Bord
Kurzerhand entscheiden sich Junghans, seine Frau und Freund Georg Leupold mit acht anderen Teams zur Alpenüberquerung. Um 7.30 Uhr hebt der Ballon mit der Nummer 21 in Bad Hindelang ab. Neben der üblichen Ausrüstung haben die drei Passagiere dabei auch zusätzlichen Sauerstoff an Bord. "Bei dieser Fahrt geht es bis zu 6000 Meter hoch", begründet Junghans den nahezu ständigen Einsatz von Atemmasken.
Die Strecke führt die drei Coburger über 3000 Meter hohe Alpenkämme. Bei einer Fahrstrecke von knapp 200 Kilometern und einer Geschwindigkeit von bis zu 135 km/h ein "einmaliges Erlebnis". Bei klarer Fernsicht liegen den Fahrern Großglockner, Großvenediger und die Dolomiten zu Füßen. Die Lagune von Venedig ist irgendwann von Weitem aus der Luft zu erkennen, während der Ballon noch bei 5000 und 6000 Meter über den drei Zinnen schwebt.
Und obwohl praktisch durchgehend Minus 15 Grad herrschen, fröstelt es die drei Oberfranken nicht. "Man fährt immer mit dem Wind. Da ist die gefühlte Temperatur nicht so dramatisch. Und außerdem waren wir gut eingepackt", berichtet Junghans. Lange Unterwäsche, Skihosen, zwei Jacken, Moonboots würden reichen. Erst bei Minus 30 Grad wird die Situation kritisch. Dann besteht die Gefahr, dass die Sauerstoffanlage sowie das Gassystem des Heißluftballons einfrieren.
Nach knapp drei Stunden Fahrzeit landet der Coburger Ballon nahe San Bonifacio, einer nordostitalienischen Gemeinde in der Provinz Verona - mit einigen Hindernissen, wie Ullrich Junghans berichtet. "Es ist gar nicht so leicht, in dieser von Obstplantagen, Äckern und Hochspannungsleitungen durchsetzten Gegend eine Wiese zu finden", erinnert sich der Dörfles-Esbacher. Zudem musste per Funk bei der italienischen Flugsicherung eine Landeerlaubnis eingeholt werden. "Das gelang Georg erst, als wir schon eine Stunde über Italien fuhren." Letztlich klappt aber doch alles: Eine kleine Grünfläche in einem Industriegebiet wird nach langer Suche als Landeplatz auserkoren.
Angst vor dieser ungewöhnlichen Alpenüberquerung hatte Junghans nicht. "Georg und ich sagen immer: Es ist viel gefährlicher, mit dem Auto zu fahren." Trotzdem wurden zuvor genau geprüft, ob nicht doch Turbulenzen über den Alpen zu erwarten sind.
Und wichtige Sicherheitsvorkehrungen werden ohnehin immer getroffen: Eine Signalpistole, ein Notbiwak, Kreislauftropfen, Zelt und Schlafsäcke sind neben Funkgerät und Höhenmesser stets mit an Bord. "Es kann beispielsweise vorkommen, dass ein Gasbrenner ausfällt. Dann müsste man notlanden und an einem Berghang übernachten."
Zwei Routen im Auge
Ullrich Junghans bezeichnet die Alpenüberquerung als "ein Highlight" eines jeden Ballonfahrers. Für die kommenden Monate hat er aber zwei andere Routen ins Auge gefasst, die er mit seinem Ballon von Oberfranken aus unbedingt abfahren will: gen Süden bis nach Füssen und in Richtung Norden über den Brocken. Bis es so weit ist, muss sich Junghans aber noch etwas gedulden. "Auch für uns Ballonfahrer ist es im Moment etwas zu kalt."