08.06.2011

Seltsamer Frieden

Seltsamer Frieden

Ebersdorf - Und dann ging alles plötzlich ganz schnell: Bereits gestern sind die ersten neun Asylbewerber in die Gemeinschaftsunterkunft in der Wilhelmstraße eingezogen. „Immerhin hat uns die Regierung von Oberfranken kurz vorher Bescheid gesagt“, sagt Bürgermeister Bernd Reisenweber. Er klingt bei diesem Satz allerdings ein bisschen säuerlich. Schließlich bringen neue Bürger, selbst wenn sie „nur“ in einer Asylbewerberunterkunft leben, Arbeit für das Einwohnermeldeamt mit sich. Da hätte sich die Verwaltung lieber ein bisschen längerfristig vorbereitet. „Aber was will man machen?“

Nach einer Ortsbesichtigung am Montagabend war offensichtlich schnell klar: Baurechtlich steht der Freigabe der ersten sieben Wohnungen nichts mehr im Weg. Die Bedenken, die sowohl die Gemeinde als auch das Coburger Landratsamt als entscheidende Genehmigungsbehörde hatten, waren vom Tisch. Weil sich ein Nachbar bereiterklärt hatte, eine „Brandbrücke“ zu entfernen, wurde die Nutzung des ehemaligen Fabrikgebäudes als Asylbewerberunterkunft möglich.

Dies entspricht auch der Einschätzung von Christian Körner, dem Juristen am Coburger Landratsamt: „Wenn es mit dem Brandschutz passt, kann eine Belegung stattfinden.“ Neun Personen, so bestätigt Corinna Boerner (Pressesprecherin der Regierung von Oberfranken), sind gestern erst einmal eingezogen. Dann geht es Schritt für Schritt mit der Belegung weiter.

Bis zu 60 Asylbewerber, so kündigte Regierungspräsident Wilhelm Wenning vergangene Woche an, sind für die Wilhelmstraße in Planung. Diese Größenordnung ist auch Bestandteil des Vertrages, den die Regierung von Oberfranken mit dem Eigentümer des Gebäudes in Ebersdorf geschlossen hat.

Doch bis zu dieser zugesagten Vollbelegung ist es noch ein Stückchen Weg. Weil die Gemeinde eine Veränderungssperre für das Gebäude erlassen hat, muss das Landratsamt die künftige Nutzung genehmigen. „Aber bis dahin brauchen wir erst einmal alle Unterlagen“, sagt Christian Körner. Und diese liegen dem Landratsamt noch nicht vor. Aber ohne eine genaue Prüfung geht gar nichts, weil mit einer Veränderungssperre durch die Gemeinde – so der Jurist wörtlich – „schon ein dicker Pflock eingeschlagen ist“. Deshalb hält sich auch Corinna Boerner mit ihrer Einschätzung zum Zeitrahmen zurück. Erst müssten sich Vermieter und Landratsamt einig werden, dann gehe es um weitere Wohnungen. Aber klar stellt Boerner noch einmal ausdrücklich: Mehr als 60 Personen sollen im Durchschnitt nicht im Ebersdorfer Übergangswohnheim leben.

Bernd Reisenweber traut dem Frieden aber immer noch nicht. Er werde jedenfalls „mit Argusaugen“ beobachten, was sich in der Wilhelmstraße tut. Denn für ihn sind selbst die von der Regierung als ein Entgegenkommen eingestuften 60 Asylbewerber zu viel für einen Ort wie Ebersdorf. „30 oder 35 Personen in sieben Wohnungen“ – dafür hätte sich vielleicht sogar ein Betreuungsdienst über das Netzwerk der Ebersdorfer Vereine organisieren lassen. Aber jetzt sei die Stimmung in der Bevölkerung „eher schlecht“.

Coburger Tageblatt Logo Berthold Köhler