16.01.2011

Schlittenmarkt gewinnt

Schlittenmarkt gewinnt

Neustadt - Ein bisschen wehmütig blickt Frank Schneider auf die großen Schneehaufen vor den Fabrikhallen der Firma „Rolly Toys“ in der Franz-Schneider-Straße: „Ein paar Tage länger hätte der Schnee schon noch liegen bleiben können.“ Aber das sagt der „Rolly Toys“-Geschäftsführer wohl mehr aus privatem denn aus beruflichem Interesse. Denn das Geschäft mit Schlitten ging in den vergangenen drei Monaten wie der Teufel. „50 Prozent mehr also sonst haben wir verkauft“, verrät Schneider auf Tageblatt-Nachfrage. Und wer weiß, was die nächsten Wochen noch kommt?

Bei „Rolly Toys“ steht man Gewehr bei Fuß, wenn es wieder schneien sollte. Denn die Schlittenbranche ist, wenig überraschend, eine wetterabhängige Branche. Deshalb begann die Hochsaison für den Neustadter Spielzeughersteller heuer auch ein bisschen früher als sonst. Ende November kamen die ersten zusätzlichen Bestellungen, weil die Fachhändler schon da keine Schlitten mehr auf Lager hatten.

Kaum Konkurrenz aus Fernost

Nur gut, dass die große Krupp-Maschine in der „Rolly Toys“-Werkhalle täglich zwischen 450 und 500 Schlitten im Blasform-Verfahren herstellen kann. „So konnten wir gut reagieren“, sagt Schneider. Aber im Dezember waren dann selbst die großzügig ausgelegten Kapazitäten erschöpft – bei „Rolly Toys“ mussten Sonderschichten her, um der Nachfrage Herr zu werden. Inzwischen läuft die Produktion aber wieder auf Normalniveau. An vielen Maschinen werden sowieso das ganze Jahr lang die Bauteile für Spielzeugtraktoren gefertigt. „Mit den Schlitten dürfte es nicht mehr lange dauern – denn Ende Januar macht da der Markt seine letzten Zuckungen“, weiß Schneider aus über 20-jähriger Erfahrung.

Obwohl Spielzeug aus Kunststoff (fast immer Polyethylen) für Laien eher wie ein klassischer Import-Artikel wirkt, hat „Rolly Toys“ bei seinen Schlitten kaum mit Konkurrenz aus Fernost zu kämpfen. Grund dafür ist in erster Linie das große Transportvolumen, weil Schlitten wie der auch für Erwachsene geeignete „Snow Cruiser“ in einem Stück aus Kunststoff hergestellt werden. „Da ist der Transport aus China unwirtschaftlich“, weiß Schneider, der seine Schlitten ausschließlich in Neustadt herstellt – und „natürlich“ auch selbst getestet hat.

Die Nähe zum Markt war heuer der entscheidende Pluspunkt, als der große Schnee kam, sagt der Geschäftsführer: „Das ist der Vorteil bei einem deutschen Hersteller: Er kann Nachbestellungen schnell und direkt liefern.“ Nichtsdestotrotz gibt es in Deutschland nicht einmal eine Hand voll Firmen, die Kunststoffschlitten bauen. Selbst weltweit ist die Konkurrenz überschaubar – deshalb kommt „Rolly Toys“ auch auf eine hohe Exportquote von 65 Prozent.

Selbst exotische Länder wie Australien und Südafrika stehen in der Lieferliste des Neustadter Familienunternehmens. Wenn nicht gerade so ein Ausnahmewinter wie in den vergangenen Monaten über Deutschland hereinbricht, ist das Schlittengeschäft für einen Hersteller normal ganz gut planbar. Mit Ende der bayerischen Sommerferien werden die ersten Maschinen auf die Schlittenproduktion umgestellt, so dass die Lager im Herbst meist schon gut gefüllt sind.

Letzter Schlitten-Notstand: 2001

Die Erfahrung hat die Spielzeughersteller dazu gebracht, eher mit schneearmen Wintermonaten zu kalkulieren – man will ja nicht auf seiner Produktion sitzen bleiben. Dann lieber Sonderschichten schieben, um nachträglich zu liefern. Frank Schneider kann sich noch genau daran erinnern, als in Deutschland das letzte Mal Schlitten-Notstand herrschte: „Weihnachten 2001 – riesengroße Schneeflocken. Da ging das Geschäft wie verrückt.“ Aber von solchen Spitzenjahren dürfe man sich bei der Produktionsplanung auf keinen Fall leiten lassen.

Worauf sich Frank Schneider aber verlassen kann: Er muss nicht jedes Jahr seinen Design-Partner in München anrufen und um neue Gestaltungsvorschläge bitten.

„Revolutionen gibt es auf diesem Markt nicht mehr“, weiß Schneider. Zwei Kufen, eine Sitzfläche – so wird es immer sein, da gibt es höchstens ein bisschen Evolution. Zur Weiterentwicklung gehört es zum Beispiel, dass Produkte von „Rolly Toys“ inzwischen nicht mehr nur bei Spielwarenfachhändlern, sondern auch im Landmaschinenhandel stehen.

Darauf hat man in Neustadt reagiert, den „Snow Cruiser“ in grün gebaut und mit dem Emblem des amerikanischen Marktführers „John Deere“ versehen. Für Frank Schneider war dies keine große Sache: „Was der Kunde wünscht, das machen wir.“

Coburger Tageblatt Logo Berthold Köhler

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