01.12.2011

Schatzfund auf der Veste

Schatzfund auf der Veste

Coburg - Die Veste ist ein Schatzkästchen. „Ich bin seit 22 Jahren hier und entdecke immer noch Neues“, sagt Alfred Geibig, Kurator für Waffen und Rüstungen bei den Kunstsammlungen der Veste Coburg und Mittelalter-Archäologe. Er befasst sich auch intensiv mit der Baugeschichte der Burg, die im 13. Jahrhundert entstand und immer wieder umgebaut wurde. Nun haben die Arbeiter, die derzeit den Blauen Turm sanieren, wieder etwas gefunden: Eine gut 56 Zentimeter lange Kupferkapsel, sorgfältig verlötet und vom Alter schon ganz grün.

„Das ist aus der Zeit von Bodo Ebhardt“, sagt Geibig, als er der Röhre ansichtig wird. Klaus Weschenfelder, der Direktor der Kunstsammlungen, meint sogar das Jahr zu kennen: 1913 wurde der Blaue Turm fertiggestellt. Damals errichtete Bodo Ebhardt die Veste teilweise neu; auch der Turm erhielt eine neue Spitze mit Wetterfahne. In deren Kugel fand sich die Kapsel, als der sechs Meter hohe Aufbau auf Schäden untersucht wurde.

Eine feine Säge muss helfen

„Die Kapsel könnte natürlich auch erst nach dem Zweiten Weltkrieg eingelegt worden sein“, mutmaßt Geibig weiter, während Heiner Grieb den Tubus vorsichtig mit einer feinen Säge bearbeitet. Die Veste wurde durch Beschuss im Krieg beschädigt, auch damals musste das Dach des Turms repariert werden. „Vielleicht hat man die Hülse sogar öfter verwendet!“ Also auch vor Bodo Ebhardts Zeiten, vielleicht Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Nürnberger Architekt Karl Alexander von Heideloff die Veste umgestaltete?

Noch ist Zeit für Spekulationen, denn Heiner Grieb kämpft immer noch mit der Kapsel. „Es ist leider Kupfer und total zäh“, grummelt er. „Aber mich würde es freuen, wenn ein Goldfuchs drin wäre, so eine 20-Mark-Münze!“ – „Die gab’s hier gar nicht“, gibt Geibig zurück, und Klaus Weschenfelder erläutert, warum er auf 1913 tippt: Ebhardt änderte nämlich die Haube des mit Schindeln gedeckten Blauen Turms, und die Abrechnungen dafür stammen aus dem Jahr 1913.

Nun hat Heiner Grieb den Deckel von der Kupferröhre abgetrennt und schüttelt sie sacht. Büttenpapier wird sichtbar, ein zusammengerollter großer Bogen. Vorsichtig fasst er mit der behandschuhten Hand danach und zieht ihn heraus. Das Wappen des Herzogs von Sachsen-Coburg und Gotha wird sichtbar, daneben eng gesetzte handschriftliche Zeilen: „Heute, am 19. Nov. des Jahres 1912“ beginnt der Text. Also nicht 1913. Aber sonst lagen Weschenfelder und Geibig richtig: Anlass für die Urkunde war das Richtfest für den Blauen Turm und den Herzoginnenbau, der heute die Waffen- und Kutschensammlung beherbergt, Geibigs Revier. „Da hat sich die gesamte Coburger Prominenz verewigt“, kommentiert Geibig die zahlreichen Unterschriften: Neben dem Herzogspaar und dem Architekten haben Friedrich Prinz zu Schleswig-Holstein Glücksburg, Oberbürgermeister Gustav Hirschfeld und Hofmarschall Freiherr von Wangenheim unterschrieben. Hirschfeld war im Januar des Jahres 1912 für 25 Jahre im Amt ausgezeichnet und zum Oberbürgermeister auf Lebenszeit gewählt worden. Auch Markus Schnapp und Richard Hauck vom Staatlichen Bauamt (Bauleitung Coburg) begutachten die Urkunde interessiert. Beide leiten die Sanierung des Blauen Turms, denn zuständig für die Veste ist die Staatliche Schlösser- und Seenverwaltung.

Schon heute wollen sie – wenn das Wetter passt – die reparierte Turmspitze wieder aufsetzen, mit der dann wieder zugelöteten Kapsel in der Kugel. Die Urkunde kommt wieder hinein, genauso wie der Lagebericht des Jahres 1953, als der Turm wieder repariert werden musste, und Berichte von den aktuellen Sanierungsarbeiten.

Respekt vor der Tradition

Dass die Urkunde wieder in die Zeitkapsel gegeben wird, sei eine Tradition, „die man respektieren sollte“, meint Klaus Weschenfelder. Schließlich sei es der Wunsch der damaligen Bauherren gewesen, dass das Dokument die Zeit überdauere.

Ob sich noch mehr solche Hülsen oder Dokumente auf der Veste finden? Das weiß nicht einmal Alfred Geibig. „Man macht ja so eine Kugel nur auf, wenn es nötig ist“, gibt er zu bedenken. Nicht alle Gebäude der Veste sind neu. Das Hohe Haus etwa, das die Verwaltung der Kunstsammlungen beherbergt, steht seit dem 15. Jahrhundert. Das Holz des Dachstuhls wurde 1488 geschlagen.

Coburger Tageblatt Logo Simone Bastian

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