06.01.2011
Rösler in Coburg
Coburg - Soeben wurden die Beiträge zu den gesetzlichen Krankenversicherungen erhöht, die Ärzte beklagen zu niedrige Honorare, und die Apotheken kämpfen mit den Folgen des Arzneimittelneuordnungsgesetzes (Amnog). Was würden die Coburger Ärzte, Apotheker und Kassenvertreter dem Gesundheitminister sagen, wenn er am Sonntag kommt?
Gar nichts, lässt AOK-Direktor Hans-Jürgen Eckert mitteilen. Mit dem Minister spricht die Kasse ohnehin auf Bundesebene. Die AOK als größte gesetzliche Kasse stand zuletzt wegen der Hausarztverträge in der Kritik: Weil sie mit AOK-Patienten mehr verdienten, ermunterten etliche Ärzte ihre Patienten zum Kassenwechsel. Das sahen die AOK-Konkurrenten gar nicht gern. Klaus Fuchs, Leiter des Coburger Service-Centers der Audi-BKK, würde – nach Absprache mit seinen Kassenvorständen – dem Minister gern folgende Frage stellen: „Zum Jahreswechsel steigt der allgemeine Beitragssatz, und Zusatzbeiträge können nun unbegrenzt erhoben werden – damit soll auch der Wettbewerb unter den Kassen gestärkt werden. Wieso geben Sie nicht einfach die Beitragshoheit wieder zurück an die Kassen, um endlich echten Wettbewerb zu gewährleisten?“
„Ich erwarte mir von Gesundheitsminister Philipp Rösler im neuen Jahr vor allem eine Überarbeitung der nicht mehr zeitgemäßen Gebührenordnung für Ärzte (GÖÄ)“, sagt Hans Olav Herøy, für die private Krankenversicherung zuständiges Vorstandsmitglied der HUK-Coburg. Außerdem sollten die privaten Krankenversicherungen die Erlaubnis erhalten, individuelle Verträge mit einzelnen Ärzten oder Gruppen von Ärzten abzuschließen, in denen auch die Vergütung abweichend geregelt werden darf.
Eine neue Gebührenordnung mit Öffnungsklausel für Zahnärzte hält Herøy ebenfalls für wünschenswert, ebenso wie die Einführung einer obligatorischen kapitalgedeckten Pflegezusatzversicherung oder einer Pflege-Riesterversicherung, wegen der demografischen Entwicklung. Und: „Der Minister sollte für mehr Wettbewerb unter den privaten Krankenversicherern sorgen.“
„Ich würde Herrn Rösler sagen, dass er seine Arbeit relativ gut macht“, sagt Uwe Möller-Ühlken, Geschäftsführer des Klinikums Coburg. Die verschiedenen Interessengruppen – Ärzte, Kassen, Kliniken, Pharmaindustrie und Apotheken – könnten ihren Anteil am Geld im Gesundheitssystem nur noch auf Kosten der anderen vergrößern. „Alle Interessengruppen sind sauer auf ihn, also scheint er die Lasten einigermaßen gerecht verteilt zu haben.“ Als Klinikgeschäftsführer „ärgert es mich, wenn die Bundesregierung die Budgets nur um 0,9 Prozent erhöht und gleichzeitig die Regierung die Gewerkschaften auffordert, hohe Lohnforderungen zu stellen. Die Mitarbeiter hätten das zweifellos verdient – aber wie sollen wir es finanzieren?“
Einer, der ebenfalls Grund zum Ärgern sieht, ist der Apotheker Wilhelm Leffler in Coburg: „Mit dem Amnog (Arzneimittel-Neuordnungsgesetz) müssen wir und der pharmazeutische Großhandel 500 Millionen Euro im Jahr einsparen. Der Festaufschlag pro Medikament wurde von 8,10 Euro auf nun 5,90 gekürzt, das bedeutet rund 200 Millionen Einbuße auf Apothekenebene, also pro Apotheke in Deutschland 11000 bis 17000 Euro Ertragsverlust!“ Vor allem sind Ärzte und Apotheken gehalten, das für die Kassen günstigste Medikament zu verabreichen. Ärzte, die davon abweichen, müssen das begründen. Zwar sei es jedem Patienten nun möglich, sein Wunschmedikament nun selbst zu kaufen, sagt Leffler. Das muss er dann aber mit der Krankenkasse direkt abrechnen und zahlt drauf. „Es geht alles zu Lasten des Patienten, doch der kann sich nicht rühren und muss nur alles zahlen.“
An die Patienten denkt auch Dr. Oliver Gregor vom Hausärzteverband in Coburg: „Wir Hausärzte würden uns wünschen, dass er sich daran erinnert, dass er Medizin studiert hat, um den Kranken zu dienen, und nicht den Managern der Gesundheitsindustrie. Wir Hausärzte kosten fünf Prozent des Gesundheitsbudgets und leisten 80 Prozent der Arbeit.“ Gregor bangt um seinen Berufsstand: Die Hausärzte würden „von allen Seiten bekriegt, und damit zerstört man eine gewachsene Struktur. Wenn die Hausärzte weg sind, werden die Kosten explodieren. Wenn wir weg sind, gibt es nur noch medizinische Versorgungszentren und mehr überflüssige Untersuchungen. Das bezahlt letztlich der Patient.“