19.02.2011

Noch eine neue Sorte

Noch eine neue Sorte

Coburg - Neues Jahr, neues Benzin: Seit Januar wird in Deutschland das "Öko-Benzin" E10 eingeführt. Anstelle des alten Normalbenzins findet man inzwischen auch an vielen Tankstellen in Coburg Schilder mit "Super E10" an den Zapfsäulen, neben Super, Super Plus und Diesel. Anfängliche Hinweise wie "Enthält bis zu 10 Prozent Bio-Ethanol" oder "Verträgt Ihr Fahrzeug E10? Herstellerinformationen einholen! Im Zweifel Super oder Super Plus tanken!" sind inzwischen meist wieder verschwunden.

An den Tankstellen entwickeln sich lebhafte Diskussionen. "Viele haben die Umstellung gar nicht mitbekommen, wissen überhaupt nicht, was E 10 ist", hat Susann Grötenherdt von der OMV-Tankstelle auf der Lauterer Höhe festgestellt. Manche Kunden würden regelrecht panisch, berichtet Thomas Grün, Besitzer der Pinoil-Tankstelle: "Als hätten sie Diesel statt Benzin getankt." Viele glaubten, dass Autos für E10 nicht älter als zehn Jahre sein dürften. Andere mieden aber auch mit jüngeren Modellen den neuen Kraftstoff, weil sie Angst hätten, dass ihr Auto in zwei oder drei Jahren kaputt ginge. "Die Kunden müssen sich informieren, damit sie das Geld nicht zum Fenster raus werfen", empfiehlt Grün. Das Personal an den Tankstellen rät den verunsicherten Kunden, sich beim Hersteller, ihrem Autohaus oder ihrer Werkstatt zu erkundigen.

Ohne Gewähr

Wer als Autofahrer beim Händler oder direkt beim Hersteller nachfragt, erhält nicht selten keine eindeutige Antwort, eine Gewähr schon gar nicht. Werkstattbesitzer Erik Bätzoldt berichtet, dass sein Schwager bei VW zwar eine mündliche Auskunft bekam, ihm eine schriftliche Bescheinigung der Eignung seines Fahrzeuges für E10 aber verweigert wurde. "Wenn selbst der Hersteller keine Gewähr gibt, wird es schwierig", sagt Bätzoldt. Der Kfz-Meister ist überzeugt davon, dass die Kunden im möglichen Schadensfall auf ihren Kosten sitzen bleiben werden. Die Hersteller hielten sich auf verschiedene Art Hintertürchen offen: Honda ließ verlauten, E 10 könne getankt werden, wenn es nicht älter als 30 Tage sei und sich im Originalkraftstoffbehälter befinde. Woher soll der Kunde wissen, ob diese Bedingungen erfüllt sind, wenn er an der Tankstelle vorfährt? Volvo verweist darauf, dass auch ältere Modelle E10 tanken können, "sofern die Wartungsvorschriften eingehalten wurden". Und Rover macht keine Angaben, weil man nicht mehr am Markt sei. Der Hersteller empfiehlt aber, kein E10 zu tanken. Mercedes informiert, die überwiegende Mehrheit ihrer Pkw mit Ottomotoren "kann den bisherigen Erfahrungen nach grundsätzlich mit E10 Kraftstoff betrieben werden". Und listet anschließend 55 Modelle ebenso vieler Baureihen als Ausnahmen auf.

"Kein Mensch weiß, was Sache ist": Kfz-Meister Bätzoldt kritisiert die Informationspolitik bei der Einführung von E10 als "nicht kundengerecht". Besorgte Kunden rufen in seiner Werkstatt an und fragen nach möglichen Schäden. Kraftstoffschläuche und Rohrleitungen könnten beeinträchtigt werden, so Bätzoldt. Motorschäden erwartet er "eher nicht".

Zweifelhafte Umweltbilanz

Einig sind sich Werkstatt- und Tankstellen-Besitzer darin, dass E10 wohl noch weniger Absatz fände, wenn der Liter nicht um rund fünf Cent billiger angeboten würde als das herkömmliche E5. Momentan kostet der Liter E10 an vielen Coburger Tankstellen 1,489 Euro, Super mit 95 und 98 Oktan liegt bei 1,539 Euro. "Wo die Preise noch hingehen, wissen wir nicht", sagt Matthias Ebert von der Agip-Tankstelle in der Callenberger Straße. Ebert, der am Mittwoch erstmals E10 anbot, erwartet, dass Super 95 in Kürze vom Markt verschwinden wird, ähnlich wie das Normalbenzin. Schon jetzt ist der alte Super-Kraftstoff nicht mehr an allen Tankstellen erhältlich.

Zur Verunsicherung der Kunden als Folge der schlechten Kommunikation gesellt sich Skepsis über die Beweggründe zur Einführung von E10: Umweltverbände zweifeln die Klimabilanz des neuen "Biosprits" an, sie sei unterm Strich um ein Vielfaches schlechter als die herkömmlicher Kraftstoffe. Zu befürchten sei auch, dass der zunehmende Anbau industrieller Nutzpflanzen den Anbau von Nahrungspflanzen verdränge, so dass immer mehr Flächen nutzbar gemacht werden müssen.

Neue Presse Logo Bettina Knauth