26.01.2012

Letzte Hoffnung: ICE

Letzte Hoffnung: ICE

Coburg - Wer seit 40 Jahren nicht mehr mit der Eisenbahn gefahren ist, fühlt sich im Coburger Bahnhof sofort zu Hause. Zumindest, wenn er im Stechschritt den Eingangsbereich passiert und auf der Suche nach dem Bahnsteig aufmerkt. Unweigerlich bleibt der Blick hängen an kalten kleinen Kacheln, die so nichtgelb sind wie eh und je. Von Farbe mag man nicht sprechen. Ein bisschen Beige an Wintermatsch trifft es vielleicht noch am besten.

Über 22 Stufen geht es zu den Bahnsteigen. Rollstuhlfahrer sind auf starke Hilfe angewiesen. Alleine haben sie keine Chance. Oben schaut es so aus wie schon immer, nur, dass in den mausgrauen Wärterhäuschen niemand mehr seiner Arbeit nachgeht. Was man ihnen auch ansieht. Damit nichts aus der Reihe tanzt, ist selbst die neue Bahnsteigmöblierung mit Windschutz, Bänken und Schaukästen weitgehend grau. Nur die Raucher gibt es inzwischen nicht mehr. Stattdessen neue Sprüche: "Ey Braut, was geht."

Wir wissen nicht, ob der junge Mann noch an sein Ziel gekommen ist und an welches. Man kommt auch vom Coburger Bahnhof sicher überall hin. Besonders erquicklich ist die Wartezeit jedoch nicht. Immerhin: Es gibt eine Bäckerei, deren Duft von Frischgebackenem in die Nase steigt, und an den Snacks im benachbarten Imbiss ist nichts zu meckern. Man sitzt anderswo besser, wie der Coburger so schön sagt. Aber selbst zwischen Mini-Supermarkt im Tankstellen-Format, Computern und Glücksspielautomaten schmeckt die Leberkäs-Semmel. Und gegen Langeweile hat die Buchhandlung gegenüber (beinahe) alles, was des Wartelesers Herz begehrt.

100 Millionen Euro, hat Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer vor ein paar Tagen in Coburg gesagt, stünden neuerdings für dringliche Neuerungen an bundesdeutschen Bahnhöfen bereit. Da werden natürlich Begehrlichkeiten wach. Aber bei 5400 Stationen bliebe nach dem Gießkannenprinzip nicht viel übrig für einzelne Maßnahmen. Coburg geht gänzlich leer aus. Eine Bahnsprecherin verweist darauf, dass der Bahnhof in den letzten Jahren einen neuen Anstrich bekommen habe, außerdem eine neue Beleuchtung und neue Vitrinen für insgesamt 220 000 Euro. Das muss erst einmal genügen.

Denn über allem schwebt das große Ganze. Bis 2017 soll das Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nummer 8 fertiggestellt sein. Dann soll ein ICE München in rund vier Stunden mit Berlin verbinden, was eine Halbierung der Fahrzeit bedeutet. Coburg liegt direkt an der Strecke, deren Gesamtausbau etwa 13 Milliarden Euro kosten soll. Da liegt es nahe, dass viele von einem regelmäßigen Halt in Coburg träumen - und einem schönen neuen Bahnhof. Doch die Pressesprecherin macht diesbezüglich nicht allzu große Hoffnungen: Zwar sind "in Tagesrandlagen", also wenn die Sonne auf- oder untergeht, ICE-Halte in Coburg vorgesehen. Wie oft und wie lange steht allerdings in den Sternen.

Keine Aufstufung

Ein barrierefreier Umbau wird im Zuge von Umbauarbeiten für den ICE erfolgen. Für Rollstuhlfahrer ist das eine große Erleichterung, allerdings kann die Bahnsprecherin nicht sagen, wann das konkret der Fall sein wird: "im Rahmen der Maßnahme", was also spätestens 2017 bedeutet. Eine Aufstufung des Bahnhofes wird es voraussichtlich nicht geben, da kein direkter Zusammenhang zwischen ICE-Halten und der Kategorisierung von Bahnhöfen besteht. Soll heißen: Auch in Zukunft keine Aufzüge und Fahrtreppen, keine Schließfächer und kein Servicepersonal.

Für viele das größte Ärgernis des Coburger Bahnhofs sind die Parkplätze oder besser: die nicht vorhandenen. Ludwig Frenking hat deshalb eine Beschwerde an die Deutsche Bahn AG verfasst. "Erster Klasse reisen", werbe die Bahn. Aber damit sei es in Coburg nicht weit her. Weil Frenking keine Möglichkeit hat, sein Auto für ein paar Tage vor dem Bahnhof abzustellen, fährt er lieber gleich bis Lichtenfels.

"Der Parkdruck ist zweifelsohne da", sagt Michael Selzer, Pressesprecher der Stadt Coburg. Derzeit liefen Verhandlungen mit der Bahn. Als "Hausnummer" sind 70 Langzeitparkplätze angedacht, wo auch immer, idealerweise so nah wie möglich am Hauptbahnhof. Denkbar ist laut Selzer "alles, was wirtschaftlich Sinn macht". Ob die Bahn baut und sich die Stadt am Defizit beteiligt, oder die Bahn baut und die Stadt das Gelände stellt: "Nichts ist fix, aber wir hoffen, dass wir in diesem Jahr noch zueinander finden."

Wenn nicht, will Ludwig Frenking seine Bahncard nicht verlängern. "Dann fahre ich in Zukunft mit dem Auto. Das geht schneller und vor allem viel bequemer."

Neue Presse Logo Volker Friedrich

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