09.11.2010
Jive = 0,13581 km
Coburg - Es ist Samstagabend und die Luft brennt in der Tanzschule Weinberg. Heute versucht man sich hier an einem Weltrekord fürs Guinness-Buch, genau genommen sogar an zweien: „Drei Mal um die ganze Welt“ – also 120000 Kilometer weit soll getanzt werden – und das an fast 100 Orten in Deutschland. Natürlich von allen Beteiligten gemeinsam. Was das ehrgeizige Vorhaben für die 74 Tanzwütigen in Coburg bedeutet, kann Katja Weinberg jetzt schon sagen: 3,9 Kilometer wird jeder am Ende des Abends tanzend zurückgelegt haben.
Warum macht man so etwas? „Weil es Spaß macht und für einen guten Zweck ist“, begründet Esther Schobert ihre Teilnahme, und Partner Fabian Karpf ergänzt: „Wir sind einfach tanzgeil.“ Ähnlich sieht es bei Jan Weber und Stephanie Bähring aus, die sich vom Anfängerlevel mittlerweile zu den Goldstars vorgearbeitet haben und ihre Vorliebe für Cha-Cha-Cha, den langsamen Walzer und Tango teilen.
Doch zurück zum Kilometerzählen. Wie funktioniert das? Kein Schrittzähler weit und breit zu sehen, nur orangefarbene Listen an der Wand, auf denen jedes Lied akribisch rechnerisch zerlegt wurde. Gerade läuft ein langsamer Walzer mit 29 Takten pro Minute. Drei Schritte je Takt ergeben also 261 Schritte zu je 30 Zentimetern. Das bedeutet nach drei Minuten Laufzeit eine Strecke von 0,0783 Kilometer. Ein flippiger Jive hingegen bringt fast das Doppelte: 0,13581. Damit alle ihre vorgegebenen sechs mal zwanzig Minuten durchhalten, wird alles überwacht und dokumentiert, die Herren sind auf dem Rücken nummeriert. Die Musik kommt per Live-Stream vom Internet-Radio „tanzfm.de“ und verbindet die Tänzer deutschlandweit.
Um 21.25 Uhr stürmen alle die Tanzfläche. Der zweite Rekordversuch in der Kategorie „Größter Paartanz“ steigt. „Like a Prayer“ von Madonna erklingt, und überall in Deutschland bewegen sich zeitgleich Tausende von Beinen zum Discofox. Bis Mitternacht werden, unterbrochen nur von kleinen Atempausen, eifrig Kilometer ertanzt. Den steigenden Blutdruck kann man an vielen Gesichtern ablesen.
Ein Paar besticht in all dem Trubel durch Gelassenheit und Souveränität: Klaus und Karina Jänicke sind seit sechs Jahren dem Tanzen verfallen. Beide, wie sie versichern, aus freiem Willen. „Funktioniert sonst auch gar nicht“, meint Klaus. Alle Paare aus ihrem Umfeld, bei denen ein Partner zwangsweise dabei war, haben längst aufgehört. „Wir haben von Anfang an Spaß gehabt.“ Und der ist – Weltrekord hin oder her – auch der wichtigste Faktor des Abends.
Die Einnahmen der ADTV-Tanzschulen zum 22. Welttanztag kommen beim RTL-Spendenmarathon der Stiftung „Wir helfen Kindern“ zugute. Stolze 652 Euro steuert die Tanzschule Weinberg bei. Hinzu kommen 289,65 Tanz-Kilometer. Ob’s geklappt hat mit „Drei Mal um die Welt“? Die Antwort gibt es frühestens am Mittwoch.