30.01.2012
Fast perfekter Halt
Neustadt - Wenn selbst der als äußerst kritisch bekannte Fahrgastverband "Pro Bahn" kaum etwas auszusetzen hat, kommt das quasi einem Kompliment gleich. In der Tat: Alles in allem braucht sich Neustadt wegen des Bahnhofs nicht zu schämen. Gebäude und Umfeld sind nicht nur in einem passablen Zustand, sondern auch von den in ausreichender Zahl vorhandenen Parkplätze (P+R-System) mit nur wenigen Schritten zu erreichen. Einzig der Bahnbetrieb erweist sich für die Fahrgäste in der Praxis als umständlich. Bis auf eine Ausnahme halten oder fahren alle Züge von Gleis 2, was Reisenden einen erheblich längeren Weg zum Bahnsteig abverlangt.
"Pro Bahn" spricht von einem "Schildbürgerstreich". Auf die Bedürfnisse der Nutzer sei mit dem in den Jahren 2004 und 2005 erfolgten Umbau des Bahnhofs keine Rücksicht genommen worden, kritisiert die Interessenvertretung. Gleis 1 liege direkt am Gebäude und erspare Fahrgästen mit Behinderung, Koffern oder Fahrrädern Umwege.
Die Umgestaltung und barrierefreie Erschließung des Neustadter Bahnhofs hat sich die Deutsche Bahn (DB) 2,5 Millionen Euro kosten lassen. Gelände, Gebäude und Bahnsteige machen einen guten Eindruck, den nur einige Schmierereien (Graffitis) etwas trüben. Ein großes Manko ist hingegen das Fehlen von Toiletten. Dafür sind die Wartehäuschen großzügig dimensioniert und bieten ausreichend Sitzgelegenheiten sowie Schutz vor Wind und Regen.
Vorbildlich ist das im Pflaster integrierte Blindenleitsystem. Es beginnt schon am P+R-Parkplatz (35 Stellflächen) und erleichtert Blinden oder in der Sehkraft Eingeschränkten die Orientierung. Überhaupt vermittelt der Neustadter Bahnhof den Eindruck von Sicherheit. Ein Grund dafür sind die zahlreiche Laternen und Lampen, die das Areal und die Gleis-Unterführung gut ausleuchten. Gespart hat die DB auch nicht an Papierkörben. Selbst ein überdachter Fahrradständer für 60 Drahtesel ist vorhanden.
Inzwischen korrigiert hat die Bahn einen "Planungsfehler". Bis vor geraumer Zeit stand der Fahrkartenautomat an Gleis 1. Das war - weil sich der Zugverkehr hauptsächlich an Gleis 2 abspielt - kein idealer, weil entfernter Standort. Jetzt steht er zentral am Zugang zur Unterführung und zur Rollstuhlrampe. Die von vielen Kunden gewünschte Überdachung des Automaten lässt zwar noch auf sich warten, ist aber angedacht.
Direkt im Bahnhofsgebäude befindet sich eine Pizzeria, die dienstags bis sonntags ab 17 Uhr geöffnet hat. Zudem gibt es im früheren Eingangsbereich ein Stehcafé, bei dem sich Reisende aber nur dienstags bis freitags jeweils von 9 bis 14 Uhr mit Proviant eindecken können. Ein öffentliches Telefon an der Frontseite des Gebäudes rundet das Service-Angebot ab.
"Unser Bahnhof kann sich sehen lassen", sagt Neustadts Bauamtsleiter Richard Peschel. Gute Noten gibt er auch der Zusammenarbeit mit der Bahn: "Wir können nicht klagen."