03.02.2012

Der Fall Linda

Fall Linda

Coburg - In der kleinen Scheuerfelder Wohnung, in der Linda H. getötet worden sein soll, sind plötzlich alle Augen auf die Hauptzeugin gerichtet. "Warum erzählen Sie so einen Mist? Das passt nicht zusammen", sagt eine gereizte Oberstaatsanwältin Ursula Haderlein. Dicht gedrängt stehen etwa 20 Menschen im Wohnbereich und warten auf die Reaktion der 17-Jährigen, die sich zuvor in Widersprüche verstrickt hatte. Auch Jerry J. fixiert seine Ex-Freundin. Die blickt kurz in die Runde und schaut dann mit verschränkten Armen zu Boden. "Ich habe nichts bemerkt. Mir ist nichts aufgefallen", entfährt es der jungen Frau.

Richter Gerhard Amend versucht, die Hauptzeugin zu einer Aussage zu bewegen. "Wenn Sie irgendwann zur Ruhe kommen wollen, müssen Sie die Wahrheit sagen." Doch wie schon zwei Stunden zuvor vor Gericht, bleibt die Frau, die zum Tatzeitpunkt mit dem Angeklagten Jerry J. liiert war, bei ihrer Aussage: Sie habe die Tage nach der Tat in der Wohnung kein Blut entdeckt, auch nicht an Kartons, die im Flur standen. Und auch ihr Freund sei ihr "normal" gegenübergetreten.

Weiße Fliesen

Zuvor schildert Jerry J. in seiner ehemaligen Wohnung detailliert, wie und wo es am 8. April 2011 zur Tat gekommen ist. Neben den Verfahrensbeteiligten und Medienvertretern folgen auch der Vater und die Schwester der Getöteten seinen Ausführungen. Der 21-Jährige erzählt, dass es ein Gerangel gegeben hätte und blickt dabei auf die weißen Fliesen im Wohnraum. "Dann war da der Hammer", sagt Jerry J. und deutet auf die Ablage der Küchenzeile. Im kleinen Flur seien beide irgendwann zu Boden gegangen, "und plötzlich war das Messer da".

Anschließend habe er die Leiche "wie ein Baby" die etwa zehn Meter zur Garage getragen und sie dort in den Kofferraum seines Autos gelegt. Das Blut auf dem Boden habe er mit Decken und Handtüchern beseitigt und die Fliesen mit einem Wischmopp gereinigt. "Hier unten waren ein paar rote Tupfer. Die habe ich mit weißer Farbe übermalt", erzählt der Angeklagte und zeigt dabei auf die weiße Wand im Eingangsbereich. Die restlichen Blutspuren an den Holztüren, vor der Wohnung und in der Garage habe er mit Wasser beseitigt. Auch die Stelle, an der er mit seiner damaligen Freundin Kartons verbrannt hat, zeigt er den Gerichtsvertretern und den Anwälten.

Für Gerichtsmediziner Prof. Dr. Stephan Seidl ist diese Version nicht schlüssig. "Das entspricht alles nicht dem Spurenbild", sagt er. Er hält dem Angeklagten vor, dass es bei derartigen Kopfverletzungen nicht möglich sei, dass Blut nur bis zu einer bestimmten Höhe und nur in geringen Mengen an die Wände gelangt. "Wir haben zum Beispiel keine Wischspuren an der Decke gesehen. Es ist nicht möglich, dass dort kein Blut war, wenn dies hier der Tatort ist." Zudem seien am Reserverad fast genauso viel Blut wie in der Wohnung nachgewiesen worden. Hingegen habe man in der Garage keinerlei Blutspuren gefunden.

Mit dem Taxi zurück

Laut Seidl lässt dies alles nur den Schluss zu, dass die Tat nicht ausschließlich in der Wohnung begangen wurde oder Jerry J. nach den ersten Kopfverletzungen dem Opfer etwas über den Kopf gestülpt hat. "Ich kann nur sagen, dass es so, wie Sie es erzählen, nicht passiert ist", sagt Seidl an Jerry J. gerichtet. Der beharrt aber auf seiner Version. "Es ist so passiert. Aber anscheinend wissen Sie es ja besser!"

Kurz nach 16 Uhr beendet Richter Gerhard Amend die Ortsbegehung in der Wohnung, die mittlerweile wieder vermietet ist. Die Anwälte und Gerichtsvertreter fahren mit Taxis zurück zum Landgericht. Sie werden von einigen Teenagern beobachtet. Als Letzte verlässt die weinende Hauptzeugin mit ihrem Vater und ihrer Anwältin die Wohnung.

Neue Presse Logo Stephan Seidl

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