05.12.2011
Flotter Tanz
Coburg - Und die Operette lebt doch. Zumindest dann, wenn man sie ernst nimmt – so ernst, dass ihre Heiterkeit nicht oberflächlich ist. Die Operette tanzt gern auf glänzendem Parkett. Manchmal wird aus diesem Tanz ein Tanz am Abgrund. Lächelnd versinkt dann die Welt, wie in Kálmáns „Csárdásfürstin“, die Gastregisseur Volker Vogel auf die Bühne des Coburger Landestheaters gebracht hat.
Regie und Ausstattung bilden dabei eine bestens harmonierende Einheit. Dietrich von Grebmer hat dazu ein auf offener Szene rasch verwandelbares Bühnenbild geschaffen, das vom Nachtclub zum sanierungsbedürftigen fürstlichen Palais und schließlich zum Bahnhof wird. Die Kostüme – elegant, pointiert charakterisierend – ergänzen nahtlos die detailgenaue Personenführung der Regie.
Die Geschichte der Chansonnière Sylva Varescu, in die sich der ebenso schwärmerische wie charakterschwache Fürstensohn Edwin verliebt, wird in Vogels gleichermaßen flotter wie intelligenter Regie zur Gesellschaftskomödie, in der sich unterhaltsamer Vordergrund und anspielungsreicher Hintergrund wunderbar ergänzen, ohne je belehrend zu wirken.
Der zweite Akt wird in Vogels Inszenierung vollends zum ironisch zugespitzten Sittengemälde. Dietrich von Grebmers Ausstattung zeigt hier mit pointierter Zuspitzung eine rettungslos vergreiste Adelsgesellschaft kurz vor dem Untergang. Längst sind die Gemälde, die ehedem den Salon im Hause Lippert-Weylersheim schmückten, von den Wänden verschwunden – zurück bleiben nur schäbig graue Ränder an den Tapeten.
Komödie für Musik
Hier wird Kálmáns Operette endgültig zur Komödie für Musik – beinahe so, als hätte sich ein Hofmannsthal die Handlung ausgedacht. Fröhlichkeit kann ein Fluchtversuch sein. Auch das macht der 2. Akt dieser „Csárdásfürstin“ deutlich. Der Tanz auf dem Vulkan gerät hier zum melancholischen Walzer (einfallsreiche und einfühlsame Choreographie: Tara Yipp).
Bis in die vielen Nebenrollen hinein ist diese „Csárdásfürstin“ bestens besetzt. In der Titelrolle beweist Opern-Diva Betsy Horne ihr Talent im Operettengenre – präzis und wohltuend differenziert im Spiel wie in der vokalen Diktion. Als Fürstensohn Edwin demonstriert Roman Payer mit lebendigem Spiel sein Faible für die nur vermeintlich leichte Muse, wenn er Kálmáns Melodien mit dem lyrischem Wohllaut seiner Stimme adelt. Mit präziser Koketterie in Spiel und Stimme: Marie Smolka als Komtess Stasi.
Der eigentliche Held des Abends ist der scheinbar leichtlebige Graf Boni. In Vogels Regie darf Karsten Münster daraus eine Paraderolle machen Mit jederzeit textverständlicher Diktion, mit stets sicher geführter, mühelos durchschlagskräftiger Stimme und pointiertem Spiel beherrscht er die Szene.
Am Pult des Philharmonischen Orchesters erweist sich Peter Tilling als stilkundiger Kálmán-Interpret. Tilling nimmt diese Musik auch dort ernst, wo sie scheinbar unbekümmert heiter tönen will.
„Bravo“
Schon in der Ouvertüre lässt Tilling keinen Zweifel daran, dass die Operette für ihn eine Gattung mit Abgründen ist. Den tänzerischen Elan der Musik treibt er bewusst an den Rand des Absturzes.
Sehr flexibel behandelt er die agogischen Übergänge, die von Orchester, Solisten und Chor konzentriert und meist sehr präzis umgesetzt werden. Mit bisweilen fast nervös vibrierender Gestik führt er das Orchester zu klangschönem, dynamisch einfühlsam differenziertem Musizieren.
Der Chor des Landestheaters (Einstudierung: Stefan Meier) singt nicht nur mit präzisem Schwung, sondern beweist zudem in vielen Einzelrollen darstellerisches Talent bis hin zum Mut zur wirkungsvollen Karikatur. Das letzte Wort hat das Publikum: „Bravo“.