01.02.2012

"Wiener Wald"-Geschichten

Ein Hirsch in der Not der Seelen

Coburg - Was macht der mythische kleine Hirsch bei Horváth, dem sozialkritisch-realistischen Autor aus dem notvollen ersten Drittel des 20. Jahrhunderts? Wir befinden uns im Wiener Wald, in Ödön von Horváths sogenanntem Volksstück „Geschichten aus dem Wiener Wald“, und da geht es keineswegs nur um die Not der kleinen Leute. Es geht um die Sehnsüchte, Ängste, Hoffnungen, seelischen Abstürze und unermüdlichen Lebensversuche der Menschen. Das macht Horváth, vor allem weil er in so realistisch präzise zeichnender wie poetisch überhöhender Sprache wirkt, aktuell und eindringlich wie eh und je.

„Ich finde, die Not und die Angst und vor allem auch die Gemeinheit breiten sich gegenwärtig wieder machtvoll aus“, beschreibt Gastregisseurin Susanne Lietzow die Motivation für die Inszenierung Horváths am Landestheater Coburg. „Das ist keineswegs nur Spiegelung der 30er Jahre.“ Premiere ist am Samstag im Großen Haus.

Es wird also eher um Seelenbilder gehen in diesem großen Ensemblestück, das Lietzow nicht nur für neun Schauspieler, sondern zusätzlich auch für eine Sängerin, das junge Rödentaler Gesangstalent Julia Mahl, einrichtet. Der Hirsch ist das Alter Ego der unglücklichen Marianne, der Tochter eines kleinen Spielwarenhändlers. Sie soll, das ist doch lange schon klar, den gutmütigen Fleischhauer Oskar von nebenan heiraten, verrennt sich aber in und mit dem elenden Strizzi Alfred. 

Musik und Gesang

Ihr Leidensweg über entwürdigenden Tingeltangel und Gefängnis endet an dem Ort, von dem sie sich befreien wollte und an dem sie hoffnungsvoll aufgebrochen war. Die Geschichte geht so weit noch ganz gut aus, Mariannes Kind ist praktischer Weise gestorben, und Oskar kann sie jetzt doch noch heiraten.

Die Dichte, die Hintergründigkeit, auch die schmerzliche Gemeinheit Horváths, die sich in ironischer Kommentierung und auch viel Sprachwitz äußert, will Susanne Lietzow atmosphärisch leuchten lassen, Horváths Zug ins Überrealistische durch Musik verstärken. Der Wiener Komponist Gilbert Handler, mit dem Lietzow schon lange zusammenarbeitet, hat dazu Musik komponiert. Die wird in der Coburger Inszenierung eingespielt, Julia Mahl in Gestalt des kleinen Hirschs singt live dazu, kommentierend, begleitend. Ausstatterin Marie-Luise Lichtenthal lässt Horváths Panoptikum der Figuren in einem sinnlichen Bühnenraum aus Herbstlaub und fotorealistisch entrückender Malerei auftreten.

Susanne Lietzow inszeniert jetzt zum zweiten Mal in Coburg, nach Lukas Bärfuss „Die Probe“ im Herbst 2010 in der Reithalle. Lietzow ist in Innsbruck und Wien aufgewachsen. Die heute frei arbeitende Regisseurin hat ursprünglich Bildhauerei in New York studiert, entdeckte dann, dass man „Bildhauerei auch auf der Bühne betreiben kann“ und absolvierte anschließend eine Schauspielausbildung in Innsbruck. Es folgten diverse Engagements unter anderem am Schauspielhaus Wien und am Schauspiel Hannover. Parallel dazu hat sie auch inszeniert. 

Coburger Tageblatt Logo Caroline Herrmann

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