04.11.2010

Doppelt gemoppelt?

Doppelt gemoppelt?

Coburg - Ein wenig neidisch blickt Barbara Lauterbach manchmal schon auf ihre ältere Schwester Anna. Beide besuchen das Arnold-Gymnasium in Neustadt bei Coburg. Aber Barbara hat dreimal in der Woche nachmittags Unterricht und spürbar weniger Freizeit. Im nächsten Jahr machen die große und die kleine Schwester gleichzeitig Abitur, Anna im letzten G 9-, Barbara im ersten G 8-Jahrgang. Bei "Coburg konkret - Der Talk der VR-Bank Coburg" am Dienstagabend im Haus Contakt räumte Anna im Gespräch mit Frank Ebert, Redaktionsleiter von TV Oberfranken, ein, sie habe "entspannter lernen" können. Andererseits: Barbara kommt schneller zum Ziel und findet das G 8 darum "nicht schlecht". Nach dem Abi wollen beide studieren.

Aufgrund des doppelten Abiturjahrgangs wird es in Bayern 2011 voraussichtlich bis zu 76 000 Studienanfänger geben. Hier hakte Co-Moderator Wolfgang Braunschmidt ein. Der Redaktionsleiter der Neuen Presse wies darauf hin, dass die Hochschule Coburg mehr Studierende aufnehmen, aber gleichzeitig 100 000 Euro sparen soll. Dabei, konterte Ministerialdirigent Michael Mihatsch vom bayerischen Wissenschaftsministerium, handle es sich um eine einmalige Belastung der Hochschulen. Das laufende Ausbauprogramm sei davon nicht betroffen. Bis 2011 werde es 
Spar38 000 neue Studienplätze und 3000 neue Stellen geben. Hinzu komme ein umfangreiches Bauprogramm, denn bis 2020 werde die Zahl der Studienanfänger pro Jahr in Bayern nicht unter 60 000 sinken. Vehement bestritt Mihatsch, der doppelte Abiturjahrgang 2011 werde zum Opfer einer verfehlten Spar- und Bildungspolitik.

Die Etatkürzung, so Prof. Dr. Michael Pötzl, Präsident der Hochschule Coburg, habe "das Schiff in voller Fahrt" ereilt und entsprechend überrascht. Auch wenn die Ausbauziele nicht in Frage gestellt seien, bleibe in Coburg die Sorge: "Was kommt danach?" Die weitere Modernisierung der Gebäude auf dem Campus sei unverzichtbar, damit die Hochschule wettbewerbsfähig bleibe. Bildung, Wissenschaft und Forschung seien Schlüsselthemen der Zukunft, er hoffe daher, dass die Politiker nicht ausgerechnet hier den Rotstift ansetzen.

Till Kellerhoff, Schülersprecher am Gymnasium Ernestinum, sieht im Gegensatz zu Mihatsch sehr wohl Probleme mit dem doppelten Abiturjahrgang voraus. Der "doppelte Andrang" sei keine "doppelte Chance", das sei bloße Schönrednerei der Politiker. Zudem bezweifelt Kellerhoff, dass im nächsten Jahr bis zu 20 Prozent der Abiturienten schon im Sommersemester 2011 ein Studium aufnehmen können. "Die große Flut kommt erst im Wintersemester."

Gute Chancen sieht Rainer Kissing, Ausbildungsbeauftragter der Industie- und Handelskammer zu Coburg, für all jene Abiturienten, die kein Studium anstreben, sondern eine berufliche Ausbildung. Kissing zeigte sich überzeugt, dass die zusätzlichen Bewerber 2011 von den heimischen Unternehmen "dankbar aufgesogen" werden.

Mit Blick auf die steigende Nachfrage nach Wohnraum für Studenten hält Coburgs 2. Bürgermeister Norbert Tessmer nichts davon, jetzt auf die Schnelle Wohnheime zu errichten, die in zehn Jahren vermutlich nicht mehr gebraucht würden. Sinnvoller seien kreative Lösungen, meinte er und wies darauf hin, dass viele alleinstehende ältere Personen in oft viel zu großen Wohnungen oder Häusern lebten. Seine Idee: Studenten sollen den Senioren im Haushalt helfen und dafür umsonst dort wohnen können. Ein Ansatz, den der Hochschulpräsident für unzureichend hält: Es gelte nicht nur, den aktuellen Ansturm abzufedern, es gehe auch darum, studentisches Leben stärker in die Stadt zu holen. Und Claudia Dautel von der Landeselternvereinigung der Gymnasien in Bayern steuerte die Idee bei: "Warum nicht Studentenheime bauen, die später als Seniorenheime taugen?"

Für eine Allianz der vier Hochschulen in Oberfranken plädierte Prof.. Pötzl. Man sollte nicht nur gut ausgebildete junge Leute in der Region halten, wichtiger sei es, gute Leute in die Region zu holen. Hochschulen könnten dabei eine große Sogwirkung ausüben. Mit dem Hinweis des IHK-Vertreters Kissing, die Region sei gut aufgestellt und die Unternehmen hätten einen ausgezeichneten Ruf, wollte sich Pötzl nicht zufrieden geben. Angesichts der demografischen Entwicklung sei längst ein "Wettbewerb um Köpfe" in Gang gekommen. Die Stärken der Region müssten daher besser nach außen kommuniziert werden. Konkret regte Pötzl an, ein Stipendienprogramm für die vier oberfränkischen Hochschulen aufzulegen. Dafür sollte die Wirtschaft "richtig Geld in die Hand nehmen". Für sinnvoll hält Pötzl ferner mehr Angebote für duale Studiengänge, also mit integrierten Praxisblöcken in regionalen Unternehmen.

Neue Presse Logo Friedrich Rauer

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