28.06.2011
Dicke Brummer, mutige Lady
Coburg - Ihr Sog ist enorm. Und dazu dieses Geräusch: „Fitzfitzfitzfitzfitz.“ Die Propeller der Transall, ein jeder so hoch wie der Fünf-Meter-Sprungturm im „Aquaria“, zerschneiden die Luft, während die Abgasfahnen der Turbinen die Silhouette der Veste verzerren, als sei die Burg bloße Fata Morgana. Ein Smart ist der Geleitzug, der sich vor die Transportmaschine der Bundeswehr setzt. Dann wirkt die Maschine vom Fliegerhorst 61 aus Penzing (Landsberg am Lech) nochmal so gewaltig.
Es ist immer wieder ein Erlebnis, wie diese Hummel der Luftfahrt in steilem Winkel die Landebahn anvisiert und nach nicht mal 600 Metern auf der ohnehin kurzen Piste der Brandensteinsebene zum Stehen kommt. Seit mittlerweile 13 Jahren startet und landet das Transportflugzeug der Bundeswehr immer wieder in unregelmäßigen Abständen in Sichtweite der Veste. Die besondere Plateau-Lage ist der Hauptgrund, weswegen die Luftwaffe ihre dicken Brummer nach Coburg dirigiert: Die Brandensteinsebene ist nämlich das, was im Militärjargon „Missionsflugplatz“ heißt.
Auf ihm üben die Piloten Starts und Landungen unter besonderen Bedingungen – Bedingungen, wie sie beispielsweise in Afghanistan herrschen. Dort haben die Einsatzkräfte keine kilometerlangen, problemlos anzusteuernden Landebahnen zur Verfügung, sondern müssen mit weit weniger Platz zum Manövrieren auskommen. Da ist flugtechnisches Können erforderlich, und das eignen sich die Bundeswehr-Piloten eben unter anderem auf dem Coburger Verkehrslandeplatz an.
Die besondere Verbindung der Bundeswehr zur Vestestadt hat dem Aero Club Coburg als Betreiber des Flugplatzes mehrfach das Glück beschert, zum Flugplatzfest den Besuchern die Wuchtbrumme der Luftwaffe präsentieren zu können. Und auch zur zweiten Auflage der Airshow am Wochenende 2. und 3. Juli beehrt eine Transall Bayerns größte Flugschau.
Es wird nicht der einzige Hingucker sein, wohl aber der größte, den die Organisatoren nach Coburg gelotst haben. Aus England reist die Crew eines Flugboots vom Typ Consolidated PBY „Catalina“ an. Wenn dieses Monstrum hier notwassern müsste, könnten die Piloten höchstens den Goldbergsee ansteuern. Gut, dass die Konstrukteure dem Flugboot zusätzlich ein Fahrwerk spendierten. So kann der Seeaufklärer, der im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Alliierten Jagd auf deutsche U-Boote machte, problemlos auf der Brandensteinsebene aufsetzen.
Kunst aus den 30ern neu belebt
Im Vergleich dazu zierlich, aber nicht weniger aufregend ist Peggy Krainz und vor allem das, was sie 300 Meter über dem Boden vollführt: Die mutige Wolkenlady ist eine von nur ganz wenigen Frauen weltweit, die das „Wingwalking“ zu neuer Blüte geführt hat. Diese Kunst, während des Flugs auf den Tragflächen eines Doppeldeckers zu balancieren, stammt ursprünglich aus den 1930er Jahren. Gesichert ist die 40-jährige Brünette bei ihrem Ausstiegsszenario lediglich mit einem Stahlseil. „Leichtsinn darf ich mir trotzdem nicht erlauben. Schließlich besteht unsere umgebaute Boeing Stearman zu großen Teilen aus mit Stoff bespannten Flügeln. Ein Fehltritt wäre fatal. Ich bin nämlich nicht lebensmüde, auch wenn es so aussehen mag.“
Ein Kribbeln ganz anderer Art erzeugen die diversen „Warbirds“ beim Zuschauer: Jagdflieger, die einst den Himmel über Nazi-Deutschland mit Bombenhagel überzogen. Dazu gehört auch wieder der Franzose Marc Mathis, der mit seiner North-American P-51 „Mustang“ anfliegt. Stationiert ist der einstige Begleitjäger amerikanischer Bomberverbände auf dem Stützpunkt in La Ferté Alais nahe Paris, wo jährlich die größte Flugschau Europas stattfindet. Zu seinem Kriegsvogel gesellen sich eine britische Supermarine Spitfire, eine russische Yak 3, eine Hawker Sea Fury sowie eine Messerschmitt Bf 108 „Taifun“.
Wer sich nicht nur einen steifen Nacken vom In-die-Luft-Gucken holen, sondern selber abheben will, hat reichlich Gelegenheit. Gemütliche Rundflüge sind mit der betagten Broussard möglich. Adrenalin-Süchtige steigen zu Kunstflieger Ralf Niebergall in die Siai-Marchetti.