13.12.2011
Casimir geht spazieren
Ahorn - Es gibt kaum jemanden in Ahorn, der Casimir nicht kennt. Kein Wunder, er begegnet den Menschen ganz ohne Scheu in deren Terrain - auf dem Bürgersteig, mitten im Ort. Manchmal auch im Park von Hohenstein, oder bei der Alten Schäferei. Freilich nicht frei herumlaufend. Das bekäme den sorgsam von der Gemeinde am Wegesrand bepflanzten Beeten nicht so gut. Denn Casimir ist ein zweijähriger Ziegenbock mit kräftigem Appetit.
Schon deshalb wird er bei seinen Ausflügen in die Welt der Zweibeiner von seinem Besitzer begleitet - und an der Hundeleine geführt. Der mit dem Bock geht, ist Karl-Heinz Kuhnert, 65 Jahre alt und trotz einer Herzoperation gut zu Fuß. Was auch wichtig ist, denn sein braun-schwarzer Begleiter ist nicht mit einem kurzen Gang vor die Türe zufriedenzustellen.
Autos sind spannend
Casimir - aus dem Geschlecht der Edelziegen - liebt ausgedehnte Streifzüge. Auch schon mal nach Coburg in die Stadt. Wobei ein Zwischenstopp auf der Frankenbrücke obligatorisch ist. Denn da kann man Dinge sehen, die im Leben einer Ziege schon Seltenheitswert haben: Autos, die unter einem hinwegsausen. Die beobachtet der Vierbeiner sehr aufmerksam, sodass sein Kopf auf und ab geht. Schließlich ist das sehr verwunderlich, wo die Fahrzeuge alle herkommen und hinfahren. Das macht richtig Bock.
Eines mag Casimir allerdings gar nicht: Regenwetter. Schon beim Hauch eines Nieselregens ist es vorbei mit der guten Laune. Dann bockt der Bock. Deshalb war es in den letzten Tagen gar nicht so einfach, den Ziegenherrn vor die Kamera zu bekommen. Bis zum Montag. Da schien kurz die Sonne, und der Vierbeiner marschierte angeleint an der Seite von Karl-Heinz Kuhnert durch Ahorn, die Hauptstraße entlang in Richtung Schloss. Oft geht es von hier dann weiter zur Alten Schäferei - quasi zu Besuch bei entfernten Verwandten.
Wenn der ehemalige Bauzeichner und Hobby-Maler Karl-Heinz Kuhnert mit seinem Vierbeiner auf Tour ist, dann staunen Passanten und Fußgänger, halten an und beginnen einen Plausch. Schließlich sieht man das nicht alle Tage, dass ein Ziegenbock an der Leine geht und zusätzlich zu den Hundekommandos "Fuß" und "Steh" tatsächlich auch die Richtungsanweisungen "Links" und "Rechts" versteht.
Bei Hunden auf der Hut
"Ich habe durch Casimir immer sehr viel Kontakt zu Spaziergängern", erzählt Kuhnert. "Besonders ältere Leute erzählen mir dann, dass sie früher auch Ziegen gehabt haben." Und Casimir scheint die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird, zu genießen. Er lässt sich streicheln und stupst die Zweibeiner auffordernd an. Nur bei Hunden ist er auf der Hut. Die beobachtet er sehr aufmerksam. Und wenn dann der eine oder andere Kläffer ihm etwas unpassendes zubellt, ihn am Ende gar anknurrt, dann ist Vorsicht die Mutter der Porzellankiste. Dann beginnen bei Casimir die Gene zu arbeiten, und der Rückenkamm schwillt mächtig an. Er neigt den Kopf, nimmt Maß und versucht, dem vermeintlichen Widersacher eine gehörige Kopfnuss zu verpassen.
Aber ansonsten ist Casimir ein friedfertiger Zeitgenosse, der schon mal den Enten ihr Futter klaut. Und er ist zutraulich. Besonders wenn Kinder in der Nähe sind. Die Enkel von Kuhnert - Pascal, Angelina und Marie - dürfen ihn umarmen, knuffen und schütteln. "Das macht er alles mit", sagt sein Herrchen.
So viel Vertrauen zu Menschen hatte Casimir allerdings nicht immer. Er hat keine schöne Kindheit erlebt, damals, als er in Neida ausgebüxt war und sich, durch die Gärten stromernd, an Rosen gütlich tat.
Damals wurde er ins Tierheim nach Coburg gebracht. Dort stellte Tierarzt Joachim Lessing fest, dass der halbjährige Bock völlig unfachmännisch kastriert worden war. Das Tier war völlig scheu und ängstlich. Seine ursprünglichen Besitzer, denen eine Anzeige wegen Tierquälerei drohte, meldeten sich nie mehr.
So kam es, dass Karl-Heinz Kuhnert auf den Bock kam. "Ich wollte als Rentner etwas tun und hatte schon immer darüber nachgedacht, für die Enkel Ziegen anzuschaffen", so erzählt er heute. Inzwischen hat Casimir eine blaublütige Spielgefährtin: Cosima, die kleine Zwergziege, die Kuhnert mit Frau Christa in Tambach kaufte. Die beiden Tiere verstehen sich prächtig und rasen durch das Gehege am Haus der Kuhnerts. Sehr zum Amüsement auch der Nachbarn.
Jetzt allerdings zu glauben, man könne in Deutschland so einfach Ziegen halten, wäre ein Trugschluss. Karl-Heinz Kuhnert kann ein Lied davon singen, was so alles zu beachten ist, bis man einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb angemeldet hat. Den hat er jetzt nämlich. Kuhnert ist Mitglied beim Landesverband Bayerischer Schafhalter und hat sich beim Landratsamt eine Registriernummer besorgt. "Wenn ich wollte und Casimir nicht kastriert wäre, könnte ich jetzt Ziegen züchten, Käse produzieren und einen Hofladen eröffnen", sagt er schmunzelnd.