14.02.2011
Angst vor Wasserklau
Lautertal - Ein Miesepeter will er nicht sein. "Auch ich bin für eine Hochwasserfreilegung von Coburg und Lautertal", stellt Kurt Werner Humann klar. Doch hatte er von Anfang an Bedenken. Durchaus verständlich, befindet sich doch der neue Lauterüberleiter in unmittelbarer Nähe seiner Fischzuchtanlage. Und jetzt befürchtet Humann, dass ihm irgendwann das Wasser ausgeht.
Am kommenden Mittwoch, 16. Februar, wird im Beisein von Bayerns Umweltminister Markus Söder der Tunneldurchschlag für die Lauter durchgeführt. Führt sie Hochwasser, soll das künftig in den Goldbergsee übergeleitet werden. Aber viele Lautertaler haben eine Befürchtung: Dass "ihr" Wasser künftig dazu genutzt wird, den See zu speisen, um dessen Naherholungswert zu steigern. Mit Wasser, dass dann anderswo im Lautertal fehlt.
Wie im Urwald
Humann ist besonders besorgt um den Zustand der Quelltöpfe, die sich hinter seiner Firma befinden und die auch für deren Zukunft und Existenz stehen. Hier fühlt man sich wie in einem kleinen Urwald. Klar und erstaunlich heftig sprudelt das Wasser aus dem Boden, sammelt sich in drei Mini-Seen und fließt in die Lauter. Früher konnte man an dieser Stelle noch Wasseramseln, Zaunkönige und Ringelnattern beobachten, sogar drei Eisvogelpärchen hatten hier ihre Nistplätze. Heute hört man das Rattern der Bagger. Die Überleitung überbrückt mit einer Neigung von nicht einmal einem Prozent einen Höhenunterschied von 15 Metern zwischen. Auf 1945 Metern geht es durch den Bergrücken zwischen Oberlauter und Beuerfeld und unter der Autobahn A 73 hindurch.
Mittlerweile scheinen viele Lautertaler besorgt wegen der Tunnelröhre. Da der Goldbergsee bislang mehr einem Tümpel als einem Ausflugsziel glich, befürchtet man, dass im Bedarfsfall einfach Wasser aus der Lauter geholt wird, sollte er zu leer wirken. Friedrich Schubart vom Wasserwirtschaftsamt Kronach, das die Aufsicht über den Lauterüberleiter hat, kennt diese Bedenken. "Es dreht sich ja nicht um Wasser, das abgeleitet wird, sondern um bedrohliches Hochwasser" entkräftet er die Bedenken. Ganz klar sei geregelt, wie viel Wasser im Extremfall abgeleitet werden dürfe, nämlich siebzehn Kubikmeter pro Sekunde. Vier Kubikmeter verbleiben in der Lauter. An dieser Zahl könne auch nicht einfach gerüttelt werden, sie sei in einem Bescheid festgesetzt.
Humann kennt den Bescheid und auch die Angaben der Wassermengen. Doch er weiß auch um den sommerlichen Tiefstand der Sulz, des natürlichen Zulaufes des Goldbergsees: "Da können Sie mit Schuhen durchlaufen und haben trockene Füße." Humann verweist in einem atemzug auf die Pläne der Stadt Coburg. Zu einem Ausflugsziel mit Seecafé soll der Goldbergsee werden und die Menschen zum Verweilen und Entspannen einladen. Hätte er zu wenig Wasser, würde er zu einem übel riechenden Tümpel verkommen und mit einer Mückenplage aufwarten.
Da auch Düngemittel von den Feldern in den See gelangen werden, droht die Gefahr von üppigen Algen, wenn zu wenig Wasserdurchlauf da ist. Nicht nur Wasser, auch Geröll und Ablagerungen wird der neue Tunnel in den See einspülen. Was über längere Zeit zu einer Verflachung führen könne, sagt Humann und nennt als schlechtes Beispiel den Froschgrundsee. Vor zehn Jahren habe man dort noch wunderbar ins Wasser wandeln können, heute stecke man sofort bis über die Knie im Schlamm. Eine andere Bauweise hätte das verhindern können, allerdings den Freizeitcharakter des Sees zunichte gemacht.
Andere Zeiten
Der Lautertaler Bürgermeister Hermann Bühling weiß um die Sorgen, die Wassermengen betreffend, kann sie jedoch nicht ganz teilen. Immerhin wird Lautertal dank der Röhre künftig keine Angst mehr vor Hochwasser haben müssen: "Die Bürger können trockenen Fußes leben." Die Zeiten seien andere geworden, es gäbe nicht mehr nur Kartoffeln im Keller. Heute würden Kellerräume oft auch wohnlich genutzt und es stelle die Menschen vor größere Probleme, wenn diese unter Wasser stünden.
Dass der Lauter zu viel Wasser abgenommen werden könnte, glaubt er nicht, würden doch der amtliche Bescheid und der Durchlass die exakte Menge regeln. Und dass es gerade im Sommer unmöglich sei, den See mit Wasser aus der dann ohnehin knappen Lauter aufzufüllen, stehe außer Frage.
Momentan sieht es laut Bühling gut aus. Der Bau habe die Quelltöpfe nicht berührt, sie sprudeln weiter. Das hat auch Kurt Werner Humann vorerst erleichtert festgestellt. Richtig aufatmen kann er dennoch nicht, sind doch bei einem solch großen Eingriff in die Natur seiner Meinung nach noch immer Komplikationen möglich, wie zum Beispiel ein Sinken des Grundwasserspiegels. Und auch, wie sich Wasserqualität und -quantität, Hochwasserfreilegung und Goldbergsee entwickeln werden, könne man erst in einigen Jahren sehen.